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Auswertung meiner ersten EduScrum-Erfahrung

Ich habe vor kurzem (Mitte August) in einem Oberstufenkurs Mathe und in einer 10. Klasse mit EduSCRUM angefangen. Die ersten Stunden war ich wirklich begeistert davon, wie die SuS vorgegangen sind, wie sie gemeinsam  das Sprint Planning angegangen sind und wie sie ihre ersten Schritte selbstständig gemacht haben. Doch in Woche Zwei merkte ich, dass nicht mehr so zielorientiert gearbeitet wurde, SuS oft in den Gruppen gesessen haben, ohne wirklich an Aufgaben zu arbeiten. Es kamen sowohl SuS aus Klasse 10 als auch aus der Oberstufe zu mir und fragten, wann wir denn wieder „richtigen“ Unterricht machen und ich einen Vortrag an der Tafel halte und sie dann Übungen dazu machen könnten. Ich müsste doch mal was erklären und so weiter. Scheinbar nahmen die SuS EduSCRUM nicht als Unterricht war. Dies veranlasste mich nach den ersten Sprints Feedback einzuholen und die SuS zu Wort kommen zu lassen, um den Unterricht eventuell anpassen zu können. 


Hier berichte ich von den Ergebnissen und will sie auch mit den Ergebnissen aus der Evidenzforschung und weiteren eigenen Erfahrungen aus vorherigen Unterrichtsarrangements verknüpfen. Im Anschluss daran, stelle ich Überlegungen an, wie EduSCRUM erfolgreich auch in Oberstufe implementiert werden kann, obwohl die SuS überwiegend Frontal unterrichtet wurden.

Ergebnisse des Feedbackgesprächs

Die Schüler haben subjektiv das Gefühl nicht viel gelernt zu haben. Ihnen hat Sicherheit in Form von Feedback auf der Aufgabenebene und der Prozessebene gefehlt. Sie haben Angst, nicht gut auf die Prüfungen vorbereitet zu werden. „Offizielle Erklärungen“ vom Lehrer brauchen sie, weil sie sonst das Gefühl haben das Falsche zu lernen. Angst ist für das lernen wenig förderlich, die Reduktion von Angst ist mit d=0,4 lernwirksam (Hattie 2012). Daher gilt es, zukünftig Ängste und Sorgen zu minimieren.

Die Vermittlung und Aneignung der Inhalte über Lernvideos sei den SuS zu Folge nicht sehr sinnvoll, weil man aus Videos schlecht lerne. Dieses Argument habe ich bereits aus vorherigen Unterricht in den letzten Jahren immer wieder gehört. Gerade schwache Lerner haben mit dem selbstständigen Ansehen von Videos Schwierigkeiten, vor Allem dann, wenn die Videos nichts Fulllscreen angesehen werden und sich am Rand Distraktoren befinden, wie bei YouTube typisch. (SWR2 Aula: Mathebüffeln am PC). 


Auch die Nutzung des Tablets wurde als wenig hilfreich angesehen.

Statt digitaler Lernmittel hätten sie gerne mit Stift und Arbeitsblättern gearbeitet. Der Blog, auf dem ich alle Lerninhalte verlinkt oder geuploaded habe, sei nicht hilfreich gewesen (Webbasiertes Lernen d=0,18, Neue Medien d=0,22). Friedrichs-Liesenkötter, Karsch (2018) konnten herausfinden, dass SuS die Arbeit mit digitalen Medien zwar als abwechslungsreich empfinden, jedoch die Arbeit mit Stift und Papier vorziehen.


Es gab aber auch SuS, die mit EduSCRUM gut zurechtkamen. Dadurch sei die Klasse geteilt worden, eine sich öffnende Leistungsschere sei spürbar gewesen. Das Flip (Kanban-Board) ist aus Sicht der Schüler ebenso als wenig wertvoll wahrgenommen worden.


Die gegenseitige Bewertung und Einschätzung der Gruppenleistung in der Retro führte zu Verunsicherung. Hier sollte lieber der Lehrer allein die Bewertung vornehmen, weil diese von den SuS als gerechter wahrgenommen werde.


Nach diesen Ergebnissen, mache ich mir nun Gedanken, über die Gründe. Hier sei erstens erwähnt, dass die SuS in der 10. Klasse sind und sie damit im Abschlussjahr sind. Ihre Noten sind ihnen daher sehr wichtig. Sie haben bisher offensichtlich überwiegend traditionell frontalen lehrerzentrierten Unterricht kennengelernt, weswegen ihnen alternative Unterrichtsformen eher als Abwechslung genügen. Der Lehrer und dessen Feedback steht an gewichtiger Stelle. Peer-Feedback hat keinen hohen Stellenwert. Sicherheit im Lernprozess steht ebenfalls an höchster Stelle. Unsicherheit auszuhalten, wie es im selbstgesteuertem Unterricht wichtig ist, haben sie bisher scheinbar nicht und nur wenig lernen können. Gleiches gilt offensichtlich auch für meinen Oberstufenkurs, der ähnliche Argumente gegen die Methode EduSCRUM anführte und sich ebenfalls eher lehrerzentrierten und analogen (Stift und Papier) Unterricht wünscht. 

Welche weiteren Ergebnisse aus der Wissenschaft kenne ich bereits?

Um ein besseres Vorgehen zu finden und eduSCRUM trotz der negativen Rückmeldung als lernwirksame Methode (und das sehe ich nach wie vor so) zu etablieren, möchte ich nun zunächst auf einige Erkenntnisse aus der einschlägigen Literatur zurückgreifen. 


Roth (2016) bestätigt im Prinzip das kooperatives Arbeiten allein nicht nicht zu wirksamen Lernen führt. Viel mehr bedarf es einer Durchmischung frontaler Lernformen mit kooperativen und individuellen. Roth schlägt vor, dass Schüler zunächst eng geführt direkt instruiert werden, z.B. durch Vorträge des Lehrers. Erst nach dem man auch geprüft hat, dass die SuS Grundlagen gelernt haben, geht es in eine kooperative Phase in der die SuS die erworbenen Kompetenzen festigen und vertiefen. Anschließend kann individuell gelernt und wissen angewandt werden. 


Brüning und Saum schlagen direkte Instruktion vor, wenn Lernende noch über wenig oder gar kein Wissen verfügen und wenn Grundlagen vermittelt werden sollen. Erst wenn die SuS über umfangreiche Kenntnisse und/intrinsisch motiviert oder besonders Leistungsstark sind, kann man zu kooperativen Lernformen wechseln. (ebd. 2015, S.12)


Das Kompetenzstufenmodell von Kiper, Meyer, Mischke und Wester (2003) geht davon aus, dass man eine Kompetenz nach folgendem Muster erwirbt. Zunächst ahmt man nach und kann seine Handlungen noch nicht reflektiert nachvollziehen. Später beginnt man Handlungen nach Vorgabe auszuführen. Als kompetent gilt jemand, der eine Handlung aus eigener Einsicht ausführen kann. Und wer letztlich selbständig seinen Lernprozess steuert, hat die höchste Ausprägung von Kompetenz erreicht. Man sieht also, dass die Methode EduScrum eher auf der höchsten Stufe zu verorten ist.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der von Zierer und Hattie (2019) vorgeschlagenen Lernzieltaxonomie: 1. Reproduktion 2. Reorganisation 3. Anwendung 4. Problemlösen. Wenn SuS das erste mal mit neuen Inhalten konfrontiert sind, dann bietet es sich an, zunächst auf der Stufe der Reproduktion Aufgaben zu stellen, erst später kann man sich Aufgaben in den weiteren Stufen bedienen. Dieses Konzept lässt sich aber auch für eine Differenzierung sehr gut nutzen, da es SuS gibt, die sehr wohl schon auf einer höheren Stufe mit der Arbeit beginnen können oder diese schneller erreichen als andere. Genauso kann man davon ausgehen, dass nicht alle SuS bis zur höchsten Stufe vordringen, jedenfalls nicht in der vorgegebenen Zeit des Unterrichts.

Wie lässt sich Unterricht nun in diesen beiden Lerngruppen gestalten und wie beziehe ich eduScrum nun ein?

Zu Beginn eines neuen Themas möchte ich nun zunächst traditionell lehrerzentriert beginnen. Ein Advanced Organizer soll überblick über die gesamte Lerneinheit geben. Darauf aufbauend möchte ich auch zunächst das Lernziel bekannt geben und das Warum erläutern. Der Kern wird ein Lehrervortrag von mir sein an den sich ein 1-2-4-alle (siehe LS) anschließt, bei dem Fragen generiert werden sollen, die ich im folgenden beantworten kann. Daran schließt sich eine Übung an, die differenziert ist nach der von Zierer und Hattie (2019) vorgeschlagenen Lernzieltaxonomie. Zunächst werden wir uns so durch die Themen der Unterrichtseinheit arbeiten.


Im Anschluss daran erfolgt dann eine eduScrum Sprint Session, die ein Lernprodukt als Ziel hat. Ich will mir dazu Anregungen bei Müller (2009) holen, aber auch eventuell digitale Medien mit einbeziehen. In der Sprint Review sollen diese Ergebnisse in einem Shift‘n‘share vorgetragen werden. Die Lernprodukte können dann auch gegebenenfalls bewertet werden.


Im Anschluss daran, können die SuS individuell Aufgaben zur Vorbereitung auf eine Klassenarbeit, Klausur oder Test bearbeiten.

Der Hape-Zyklus nach Gartner beschreibt meine Entwicklung eigentlich sehr zutreffend. Als ich mit eduScrum begonnen hatte, hatte ich ziemlich hohe Erwartungen an die Methode und dachte dies sei wahrlich die beste Möglichkeit die SuS auf die Abschlussprüfung bzw.. die Abiturprüfung vorzubereiten (Gipfel der überzogenen Erwartungen). Aber schon zwei Wochen später, merkte ich, dass die SuS nicht wie erwartet arbeiteten (siehe oben). Ich geriet in ein Tal der Enttäuschung, ich dachte daran einfach mit eduScrum wieder aufzuhören. Aber ich besann mich eines besseren Wissens, holte mir Feedback ein und erarbeitete den oben skizzieren Plan. Ich befinde mich also derzeit auf dem Pfad der Erleuchtung und hoffe schon bald das Plateau der Produktivität zu erreichen.


Was meint ihr? Lässt sich eduScrum nun besser und lernwirksam nutzen? Ist das Plateau bald erreicht? Gebt mir doch bitte Feedback dazu.

  • Brüning und Saum (2015): Kooperatives Lernen versus direkte Instruktion. Schulmagazin 5-10
  • Friedrichs-Liesenkötter, Karsch (2018): Smartphones im Unterricht – Wollen das Schülerinnen und Schüler überhaupt?! Eine explorative Studie zum Smartphone-Einsatz an weiterführenden Schulen aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern. MedienPädagogik 31, (März), 107–124
  • Kiper, Meyer, Mischke, Wester (2003): Qualitätsentwicklung in Unterricht und Schule. Das Oldenburger Konzept: Didaktisches Zentrum 
  • Müller, Noirjean (2009): Lernerfolg ist Lernbar. hep Verlag
  • Podcast SWR2 Wissen (2019): Selbstgesteuertes Lernen - ein fragwürdiges Konzept? URL: https://podcasts.apple.com/de/podcast/swr2-wissen/id104913043?i=1000445882639
  • Podcast SWR2 Aula (2017): Wie beeinflussen die Medien das lernen? URL: https://podcasts.apple.com/de/podcast/wie-beeinflussen-die-medien-das-lernen-mathe-b%C3%BCffeln-am-pc/id81508271?i=1000392618994
  • Roth (2016): Vortrag zu hirngerechtem Unterricht an der Uni Bremen. Vortrag als PDF über mich zu beziehen 
  • Zierer und Hattie (2019): Kenne deinen Einfluss!: "Visible Learning" für die Unterrichtspraxis. Schneider Hoehengehren

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Freitag, 25 Oktober 2019 20:29)

    Gut ausgearbeiteter Artikel! Ich versuche auch gerade, meine SuS zu mehr eigenständiger Arbeit zu "erziehen" und mache dies anhand von Lernplänen, die jeweils über einige Wochen hinweg gehen. War total begeistert davon (und bin es auch immernoch), aber habe auch feststellen müssen, dass meine Erwartungen zu hoch sind (viele SuS heften den Plan ab und schauen ihn sich gar nicht erst an, dabei stehen alle Aufgaben für die Lernzeiten und auch wöchentliche Vokabeln, Test- und Klausurtermine dort drin). Aber eigentlich macht genau das es ja aus: Eine Idee irgendwo sehen, sie als gut empfinden und sie dann immer wieder anzupassen. Eduscrum selbst habe ich noch nicht genutzt (kann es mir aber gut für die Sek II vorstellen), nutze aber jetzt ein Kanban-Board für die Fachschaftsarbeit an der Schule (allerdings sind die Aufgaben dort vorgegeben, es entspricht also nicht wirklich dem Scrumprozess). Insofern bin ich sehr auf deinen weiteren Bericht gespannt!